Kirchen sind Räume für Blütenmeere: auf dem Altar, bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen.
Eine unserer letzten online-Veranstaltungen für mehr Nachhaltigkeit in Gemeinden beschäftigte sich mit den vergänglichen Schönheiten – und deren Schattenseiten.
(Artikel aus unserem Monatsprogramm – das ganze Heft hier:)
Sie erinnern uns an unsere Endlichkeit und gleichzeitig an das pralle, bunte Leben: Die Freude an Blumen ließen sich die Deutschen in 2023 3,1 Mrd. Euro kosten. Dabei kommt das Gros der Schnittblumen, rund 80%, nicht aus regionalen Gärtnereien, sondern wird importiert. Allein bei den Stielrosen waren es in 2023 1,2 Mrd. Stück. Man ahnt also: hinter der Blütenpracht stecken einige Haken.
Emma Auerbach, Blümengärtnerin in Dresden und Dozentin bei unserer online Weiterbildung Anfang März, erklärt die wesentlichen Punkte:
Der Markt verlangt ganzjährig ein buntes, üppiges Sortiment. Damit das Angebot nicht zu teuer wird, muss im großen (monokulturellen) Stil angebaut werden – entweder in Gewächshäusern oder auf dem afrikanischen Kontinent. Das ist nur mit extrem hohem Einsatz an Ressourcen und Pestiziden möglich. Der CO2Abdruck einer europäischen Rose sieht bitter aus: pro Stiel werden quasi 2 Liter Diesel verbrannt.1
Verrückterweise sieht die Ökobilanz der afrikanischen Importrosen trotz der langen Flugwege besser aus – das liegt an dem hohen Energieaufwand für Wärme und Licht in europäischen Gewächshäusern.
Zur Pestizidbelastung lässt sich sagen: Tulpen sind eher weniger belastet, aber generell sieht es schlecht aus: Im Jahr 2023 wurde zu Muttertag eine Studie von Global 2000 zur Belastung von Blumensträußen veröffentlicht. Bis zu 39 Pestizide wurden auf einzelnen Blumensträußen gefunden. Im Rahmen einer anderen Studie2 aus Belgien fanden die Forscher:innen auf jedem getesteten Blumenstrauß, egal welcher Herkunft, aktive Substanzen, die teilweise bereits bei Hautkontakt schädigend sein können. Sie sind z.T. hormonstörend, krebserregend und fortpflanzungsschädigend. Das ist auch ein wichtiger Punkt bei den Arbeitsbedingungen auf den Feldern und Plantagen.
Die wichtigsten Produktionsländer für Rosen sind Kenia, Äthiopien, sowie Ecuador und Kolumbien. Dort sind die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen nicht hinnehmbar: unzureichender Arbeitsschutz bei gleichzeitig hoher gesundheitlicher Belastung, zu niedrige Löhne, keine Garantie für gewerkschaftliche Arbeit etc. Glücklicherweise schaffen es mehr und mehr Fairtrade-zertifizierte Blumen in Rosen in den Handel. Deutschland ist dafür der größte Absatzmarkt. „Auf Fairtrade-Blumenfarmen sind feste Arbeitsverträge, Versammlungs- und Gewerkschaftsfreiheit, Mutterschutz und klare Arbeitszeitenrege-lungen per Standard vorgeschrieben. Außerdem erhalten die Mitarbeiterinnen Schulungen für einen sicheren Umgang mit Pflanzenschutzmitteln, während sich die Blumenfarmen verpflichten, den Einsatz von gefährlichen Pestiziden zu reduzieren und ihren Beschäftigten angemessene Schutzkleidung zur Verfügung zu stellen.“3
Neben den guten Entwicklungen um Fairtrade-Blumenfarmen ist in den letzten Jahren noch eine andere Initiative gewachsen: die Slow-flower-Bewegung. Hier haben sich Menschen zusammengeschlossen, die mit Blumen arbeiten und die Arbeitsbedingungen und Umweltbelastungen rund um den Blumenanbau und -handel verbessern und für nachhaltigen Blumenanbau sensibilisieren wollen. „Slowflowers sind Blumen, die wieder Natur sein dürfen, die berühren und glücklich machen.“ Der Fokus liegt hier auf Regionalität, Saisonalität, Bodengesundheit, Insektenschutz, Verzicht auf Kunstdünger und Verzicht auf Pestizide. In der Verarbeitung wird auf Steckschaum, und soweit es geht, auf Einmal-Plastik verzichtet. „Aber Slowflowers bedeuten auch eine wild-romantische Ästhetik, in der krumme Stiele und unperfekte Blüten ihren Platz haben.“4 Auf der Website findet sich auch eine Karte, die Händlerinnen, Florist*innen und nachhaltige Blumenfelder verzeichnet. Eine gute Nachricht: ein solches Slowflower-Feld befindet sich auch am Rand von Dresden – das „Bei den Blumen“ 5 von Emma Auerbach in Podemus.
Ihre Empfehlungen für jegliche Blumenfreuden – privat oder im Kirchenraum:
- Blumen sollten vor allem saisonal gekauft werden.
- Auf zusätzlichen Plastikschmuck im Gebinde und auf Steckmasse (Mikroplastik!) unbedingt verzichten – das gilt besonders bei Grabschmuck.
- Es sollte das kreativ genutzt werden, was da ist („Natur muss nicht immer perfekt sein“): Zweige, Trockenblumen und Blätter schaffen schöne Optiken und Strukturen – das ermöglicht auch beim Altarschmuck tolle und sehenswerte Arrangements.
- Und: fragen Sie im Handel nach saisonalem, fairtrade- und Slowflower-Angebot. Damit sensibiliert man den Handel und schließlich dann auch das Angebot.
Wie bei allen Nachhaltigkeits-Aspekten, ist es auch hier so: ein Umdenken ist nötig. Die Slowflowers meinen: „ein Umdenken, das nicht Verzicht bedeutet, sondern ein aufregendes (Wieder-) Entdecken der Schönheit natürlicher Blumen.“
Anna Groschwitz
Von Oktober bis März veranstalteten wir im Projekt Nachhaltige Gemeinde leben gemeinsam mit ökumenischen Partnern eine Online-Reihe zu Themen von Nachhaltigkeit im kirchlichen und gemeindlichen Alltag. Ein Thema war „Slowflower – Nachhaltige Blütenpracht im Einklang mit der Natur„
- Wandl, M. T. (2015). Ökobilanzierung im Zierpflanzenbau Treibhausgasemissionen der Produktion von Zierpflanzen am Beispiel eines traditionellen Endverkaufsbetriebs in Österreich ↩︎
- Pesticide Residues on Three Cut Flower Species and Potential Exposure of Florists in Belgium ↩︎
- https://www.fairtrade.net/de-de/meta/Newsroom/News/Blumen-zum-Valentinstag-Ja-aber-fair.html ↩︎
- www.slowflower-bewegung.de ↩︎
- https://beidenblumen.de/ ↩︎
Diesen Artikel finden Sie in unserem Monatsprogramm
