Es ist gar nicht so einfach mit der Erinnerung und dem Gedenken. Ich lebe nun seit über 30 Jahren in Dresden, und immer noch kann ich nicht nachvollziehen, warum die Erinnerung an die Zerstörung im 2. Weltkrieg den Menschen hier so ungebrochen wichtig ist.
Inzwischen ist das über 80 Jahre her, und immer wieder und immer noch ist in manchen Reden und mancher Berichterstattung zu hören: „am 13. Februar gedenken die Dresdner der Zerstörung ihrer Stadt“.
Für mich fühlt sich das falsch an. Ich finde das verkürzt. Ich frage mich jedes Jahr, ob es nicht richtiger wäre, an erster Stelle und vor allem anderen daran zu erinnern, dass die Zerstörung von Deutschland ausging, dass der Krieg von Deutschland ausging, dass beides eine Vorgeschichte hat: das Versagen der Demokratie zu Beginn der 30er Jahre, die Machtübertragung an den Diktator, das bereitwillige Folgen aller seiner fatalen und unmenschlichen Anordnungen von so vielen, viel zu vielen, meiner, unserer Vorfahren in Deutschland.
Dass im Verlauf eines Angriffskrieges eigene Schäden nicht ausbleiben, finde ich nicht so bedenkenswert wie die Frage, wer ihn begann, und damit die ja erst zur gewaltsamen Reaktion zwang, die angegriffen wurden. Und ich finde das aktuell besonders wichtig, die Reihenfolge der Erinnerung einzuhalten, wo wieder, nicht nur in Europa, Nationalismus und Extremismus die Demokratien und die Freiheit aller bedrohen.
Gerade, je länger das Ereignis zurückliegt, um so stärker muss es im Gesamtzusammenhang der Geschichte betrachtet werden, finde ich: Krieg hatte und hat – immer – eine Vorgeschichte und Verantwortliche, die ihn begonnen haben.
Mittlerweile ist das Erinnern in Dresden vielschichtiger geworden, es wird betrachtet, wie Dresden in der Zeit des Nationalsozialismus agiert hat, es werden die Opfer der Diktatur erinnert, es wird gemahnt, dass es wichtig ist, auf die Anfänge zu schauen, damit Geschichte sich nicht einfach so wiederholen kann.
Seit vielen Jahren hat das zB der „Mahngang Täter*innenspuren“ im Blick, ein jährlicher Rundgang in Dresden, der immer wieder neue öffentliche Orte aufsucht, an denen nationalsozialistisches Unrecht umgesetzt wurde. In diesem Jahr steht er unter dem Titel: „Dresden, die unmenschliche Stadt“ und setzt sich damit bewusst mit dem Mythos der „unschuldigen“ Stadt auseinander. Im Jahr der jüdischen Kultur werden Werte wie Humanismus und Solidarität in den Mittelpunkt gerückt, der Blick richtet auf Täter*innen und Institutionen, die an Verfolgung, Ausgrenzung und Mord beteiligt waren. Der Rundgang endet am Zoo Dresden mit der Frage nach dem Umgang mit der eigenen Geschichte der Völkerschauen. Der Mahngang versteht sich als Beitrag zu einer solidarischen Erinnerungskultur, die Täter*innen-Handeln sichtbar macht und zugleich jene Werte betont, denen es entgegenstand.
Und was mache ich eigentlich am 13. Februar? Die Kirchen der Stadt feiern seit 1982 einen Ökumenischen Gottesdienst an diesem Tag. Wir nennen ihn Friedensgottesdienst, – nicht Gedenkgottesdienst -, weil wir jeweils aktuell darauf schauen wollen, was den Frieden bedroht, in der Welt, in der Stadt, in unserer Gesellschaft – und was wir dafür tun können, ihn zu bewahren, zu stiften, zu erkennen.
Letztes Jahr haben wir im Gottesdienst vom Frieden erzählt – stellvertretend für die anwesende Gemeinde haben 8 Menschen von Friedensorten in Dresden berichtet: internationale Begegnungscafés zum Beispiel, Kontakte einer Pfarrgemeinde zu Menschen im benachbarten Gefängnis, Erfahrungen aus der Familienberatung, zuhören zu lernen. Und danach haben die Menschen in den Kirchenbänken miteinander geredet, wo sie vom Frieden wissen in unserer Stadt.
In diesem Jahr ist das Thema „Vergebung“: eine Handlung, die immer geschenkt ist und nie eingefordert werden kann, und die voraussetzt, dass vorher Schuld eingestanden wurde.
Damit lösen wir die großen Fragen der Erinnerung auch nicht – aber vielleicht stärkt es uns gegenseitig, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen und heute miteinander friedlicher umzugehen.
Elisabeth Naendorf
Die Predigt von Elisabeth Naendorf im Ökumenischen Friedensgottesdienst am 13. Februar 2026 in der Kreuzkirche können Sie hier nachlesen oder herunterladen.
