„Die mutigsten Feiglinge Deutschlands“

Würdigung der Deserteure des 2. Weltkrieges und aller Kriege als Kontrapunkt am „Tag der Bundeswehr“.

Am 9. Juni fand der Tag der Bundeswehr erstmals in Dresden statt. Das ÖIZ war beteiligt an einer Mahnwache gegen die Rekrutierung Minderjähriger und am Gedenken an die Deserteure der Kriege. Die Ansprache dort hielt Pfr. i.R. Andreas Horn.

„…Welch ein Glück, welch ein großes unverdientes Glück ist uns Spätgeborenen zuteil geworden, die wir nicht in die faschistische Kriegsmaschine geraten sind, auch nicht entscheiden mussten, wie wir uns zu einem Einberufungsbefehl und allen folgenden Befehlen der Hitlerwehrmacht verhalten sollten. Welch ein Glück!
Dies zu erkennen, zu empfinden und dafür dankbar zu sein, wäre die erste Pflicht eines verantwortungsbewussten Menschen unserer Tage – hier in unserem Land.
2. Dankbarkeit aber allein genügt nicht. Sie muss zwingend verbunden sein mit dem genauen Erinnern, wie es damals war. Bei unseren Vätern, Großvätern. In welche schier ausweglose Situation sie geraten sind.
Welche Angst sich ihrer bemächtigt hat und wie viele dann doch im Laufe des Hitler-Krieges die Waffe weggeschmissen haben, geflohen sind, aus welchen Motiven auch immer. Deserteure nennt man sie. Verräter, auch nach dem Krieg – lange nach dem Krieg. Verurteilt, Verschwiegen, verachtet, vergessen. Schätzungsweise 25.000.
Lange, zu lange blieben die Todesurteile rechtskräftig. Erst 2009 wurden sie durch Beschluss des Bundestages aufgehoben.
Heute stehen wir an einem Erinnerungsort. Ein Gräberfeld für Deserteure, derer die DDR gedachte. Mag sein, auch in eigenem politischen Interesse. Auf dem Gedenkstein steht „Kämpfer gegen Krieg und Faschismus“. Nun, so verstanden sie sich vermutlich nicht. Aber in einem tieferen Sinn sind sie genau dies gewesen, in ihrer Verweigerung: Kämpfer gegen den Faschismus.
Nicht ganz vergessen sind sie. Immerhin. Vielleicht gab es in der DDR doch noch eine leise Ahnung, dass diese Deserteure zu würdigen sind. Inzwischen haben wir gelernt: Es gibt wohl 30 Denkmäler für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer in Deutschland. Allerdings etliche sehr versteckt.
Und diese Würdigung, Ehrung, jenes sich ihnen innerlich verbunden wissen, ist das zweite, was Not tut. Was unserer Dankbarkeit folgen muss.
Hier soll es geschehen. Sie sind nicht vergessen.
Dieses kleine Gräberfeld auf dem Nordfriedhof in Dresden besuchen. 136 Menschen, von Militärgerichten verurteilt und umgebracht.
Es waren Menschen, die ihrer Angst, ihrer Verzweiflung und ihrer Einsicht gefolgt sind. So sind sie zu stillen Helden geworden. Diese Mutigen. Diese „mutigsten Feiglinge Deutschlands“.
Wir ehren sie bewusst heute am Tag der Bundeswehr. Denn wir wissen: Trotz kategorialer Unterschiede zwischen Bundeswehr und Hitler-Wehrmacht kann jeder militärische Konflikt, jede Waffe zu einer eskalierenden Spirale der Gewalt führen, die alles und jeden in den Abgrund zieht.
3. Und ein Drittes: Das ist die Mahnung. Die Aufgabe. Das Bedenken, was heute zu tun ist. Die eigene Haltung prüfen, durchaus mit unterschiedlichen Folgerungen im Einzelnen, auch differierenden Urteilen über die Waffen der Demokratie. Aber doch zwingend verbunden in der Nachdenklichkeit über das Militärische. Ein Volksfest kann es nicht sein. Darf es nicht sein. Denn das ethische Nachdenken zwingt zum Ernst. Und kann in dieser Stadt Dresden, in Deutschland, in Europa nicht ohne das klare Bewusstsein der beiden großen Kriege sein.
Die Werbung der Bundeswehr im Rahmen eines für den Familienausflug konzipierten Spektakels verschleiert diesen Ernst. Das ist die Sorge.
Freilich. Ob wir dieser beschriebenen Pflicht gerecht werden, weiß noch keiner zu sagen. Das Urteil über uns selbst bleibt uns verwehrt. Wir wissen auch nicht, welche Zukunft uns erwartet, vor welche Entscheidungen wir noch gestellt werden. Vielleicht erscheint unser Mühen um Frieden bescheiden, unser Widerstand zu schwach. Unser Herz zu abgelenkt. Diese Möglichkeit und Befürchtung muss alle besserwisserische Eitelkeit verdrängen. Aber auch die kleine Mühe ist wichtig, geradezu kostbar. Sie ist nötig: Diese Ehrung. Heute, an diesem Tag. Hier da zu sein. Davon zu erzählen, den Ort bekannt zu machen. Die wenigen Minuten an den Gräbern der „mutigsten Feiglinge Deutschlands“ zu stehen und die ungeheure Spannung zwischen der todernsten Friedhofsruhe und dem fernen Lärm des Panzerfestes leibhaftig zu spüren.
Und: Aus diesem Spüren Mut, Entschiedenheit, wohl aber auch kluge Menschenfreundlichkeit zu gewinnen. Das ist unsere Aufgabe.“
(Pfarrer i.R. Andreas Horn)

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