| 31. Oktober 2008, Leipzig
Zur Rolle der Intellektuellen in Krisen
Intellektuelle Eliten spielen in der Entwicklung der meisten Länder eine große – wenn auch nicht unumstrittene - Rolle. Sie können ihre gesellschaftliche Position und Autorität nutzen, um im öffentlichen Raum politische Kritik zu üben. Sie sind aber auch die Produzenten von Ideologie bzw. untermauern Ideologien mit wissenschaftlichen Untersuchungen und Theorien. Sie können entweder einer Regierung nahe stehen und diese unterstützen (z.B. als think tanks) oder Dissidenten oder "neutral" sein.
Das Thema ist relativ speziell, soll aber mit Blick auf Beispielfälle bildhaft werden. Insbesondere soll die Verantwortung von intellektuellen Eliten für die Entwicklung ihres Landes herausgearbeitet werden. So war und ist die Rolle von Intellektuellen zentral bei der Nationenbildung. Historiker beschreiben die lange Geschichte eines Landes oder einer ethnischen Gruppe und legitimieren damit ihren Anspruch auf einen eigenen Staat, Autonomie oder besondere Rechte. Gerade in Krisen und bei Bürgerkriegen ist die Rolle der Intellektuellen kritisch zu betrachten.
Hauptsächlich soll uns jedoch die Frage der Entwicklung von Ländern im Süden beschäftigen: Wie agieren politische und wirtschaftliche Eliten in den jeweiligen Heimatländern? Viele Intellektuelle haben ihre Ausbildung in Europa oder den USA gemacht. Welche Ideen bringen sie in ihr Heimatland zurück, und welche Auswirkungen hat das für die gesellschaftliche Entwicklung? Handelt es sich quasi um neokoloniale Prozesse, wenn westliche Ideen über die dort ausgebildeten Intellektuellen in ihre Herkunftsländer gebracht und umgesetzt werden?
Ein anderer Aspekt des Themas ist Brain Drain: Gut ausgebildete Menschen verlassen ihre Herkunftsländer, um anderswo gut (oder auch weniger gut) bezahlte Arbeit anzunehmen. Diese Abwanderung ist in einigen Sektoren und Ländern ein Entwicklungshemmnis. Andererseits stoßen gerade in Europa oder den USA Ausgebildete oft an eine Grenze, weil sie gar nicht so viel, von dem was sie gelernt haben, in ihrem Land anwenden können. Hier werden wir im Seminar auch die Frage individueller Verantwortung und persönlicher Erwartungen an die Rückkehr diskutieren. |