20 Jahre INKOTA-Regionalstelle Sachsen (RS)
1.1.1990: Vom Gesellschaftsbau Dresden zur Baustelle INKOTA/ÖIZ. Die Vorbereitungen hatten Jahre vorher begonnen, mit Zuarbeiten des Arbeitskreises „Entwicklungshilfe“ zur Ökumenischen Versammlung (ÖV) der DDR. „ …und zwar geht es um eine Art Informationsbüro, wie es sich die Gerechtigkeitsgruppen wünschen, aber mit den andern Dingen noch drinne“ hatte der Telefonabhörer der Abteilung XX im Bericht vom 21.12.1988 auch
richtig notiert (im Gegensatz zum IM, der INKOTA offenbar gar nicht verstanden hatte und streng geheim aufschrieb: „Die Gruppe trifft sich das nächste Mal in Gotha.“ ) „Örtliche und regionale Informationsstellen“ (im Plural!) „zu den Problemen der Zwei-Drittel-Welt“ nannte es die ÖV in Text 2.1 „Leben in Solidarität – eine Antwort auf weltweite Strukturen der Ungerechtigkeit“ und rief zur „Alphabetisierung in Wirtschaftsfragen“ auf. Durch die vorherige
Arbeitsaufnahme der RS beförderte INKOTA die Gründung des ÖIZ zum 1.7.1990. Zusammen mit Pfarrer Webers, Äußere Mission, begann die Organisation der Ausbildung von Ausländern im Herderinstitut, beim TÜV und im Diakonissenkrankenhaus. Cabana spielte eine wichtige Rolle. Gleich in den ersten Monaten trafen sich in der RS, C.-D.-F.-Straße 5, Menschen zur Gründung des späteren Weltladens Quilombo. Die erste Schulveranstaltung fand im heutigen Rübezahl- Gymnasium statt. Aus
Einzelveranstaltungen bildeten sich Reihen zu aktuellen entwicklungspolitischen Themen, zu Vietnam, für neue Zielgruppen. „Finanzierung“ entwickelte sich, zeitraubend, ermöglichte aber die Vervielfachung der Kapazität, das Wachsen der Strukturen und der Wirkungen. Bei „Unser hartes Geld und die böse Welt“ drängten sich nach Einführung der DM 93 TeilnehmerInnen bei einem Wochenendseminar in den Raum Sophia, bei der ersten INKOTA-Regionaltagung in den Räumen des ÖIZ mehr als
sechzig. Der Leiter der gepa-Regionalstelle führte seine ersten Telefonate aus dem Büro der RS. Mit dem AK „EH“ kam es bei einem Workcamp in Tansania zu Erfindung des ökumenischen Jugendaustausches und dessen Anbindung an die Jugendarbeit der beiden großen sächsischen Kirchen. (Der Aufkleber „Ich habe es satt, dass andere hungern“ klebt seit dem Lutherjahr 1983 an vielen Kühlschränken der Welt, seit 1991 auch auf dem Kilimandscharo.) In Folge einer Tagung mit der
Friedrich-Ebert-Stiftung beschlossen Vertreter mehrerer Fraktionen des Landtages eine DM pro Sachse für Entwicklungszusammenarbeit in den Haushalt einzustellen, fünf Millionen! „Dieses Cafe kann ein Besonderes werden!“ Ein letzter Versuch, nach langwierigem Scheitern, führte 42 Interessierte ins ÖIZ, in einer Zeit der „Flaute“ ehrenamtlicher Arbeit. Daraus entwickelte sich die Baustelle „aha“, parallel dazu der aha-anders handeln e.V. und die LadenCafe aha GmbH, ein
Vorhaben, das die Größe von ÖIZ und RS um ein Vielfaches überstieg und heute mit seinen Filialen bundesweit zu den wenigen Profiweltläden zählt. Mit der Formel „beschränkter Haftung“ reichte der Mut im ÖIZ-Vorstand zu diesem Unternehmen gerade so. Nicht wiederholbar, wenn auch nicht ausreichend, war die Unterstützung von Geldgebern für ein offenbar überzeugendes Konzept. Nach Rückzahlung der 300.000 DM Schulden füllten 2002 Abwässer der Stadt Laden und Küche und
hinterließen einen Schaden in Höhe von 300.000 €. Nach einer Phase von Depression gelang der Wiederaufbau jedoch finanziell leichter als der Neubau. Aha-Erlebnisse hatten neue Zielgruppen, speziell Hungrige und Durstige, zufällige Gäste des Restaurants und Kunden des Ladens. | Mit Cabana wurde der Umzug der Begegnungsabende in die Gaststätte versucht. Entwickelt hat sich
daraus das Projekt „Dialog der Kulturen“, mit Ausstellungen und Veranstaltungen. Die Stadtversammlung der Eine-Welt-Gruppen traf sich am Entwicklungs-politischen Stammtisch. Unfaires Handeln im Fairen Handel selber drohte mit der Schließung der gepa-Regionalstelle und provozierte damit deren freundliche Übernahme durch die hiesigen Weltläden und die Gründung einer eigenen Genossenschaft, der „FAIRE“. Bei diesem Prozess spielte die damalige INKOTA-Gruppenberaterin für
Weltläden eine „führende Rolle“. Unter dem Dach der FAIRE lagern jetzt die ansonsten konkurrierenden alternativen Fair-Handelsorganisationen friedlich ihre Waren. Baustelle Vernetzung: Eine Veranstaltung mit Landeszentrale, Gruppen und Politikern hatte die Gründung des Entwicklungspolitischen Landesnetzwerkes „ENS“ zur Folge und die Übergabe vieler Vernetzungs- und Lobbyfunktionen. Die Aufgabensuche für „aha-anders handeln“ führte zur Einrichtung Sächsischer
Entwicklungspolitischer Bildungstage „SEBIT“ mit bis zu 180 Veranstaltungen im November jeden Jahres. Damit wurde die Unmöglichkeit der Finanzierung kontinuierlicher Arbeit umgangen. Der SEBIT-Vorbereitungskreis umfasste zeitweise bis zu 50 Akteure. „Strukturieren statt Resignieren“ hieß der Titel einer Regionaltagung. Die Phase des Aufbruchs war davon geprägt, Vernetzen, Gründen und Strukturieren. Selber „entwickeln“ durfte die RS sich nicht. Seit 20 Jahren ist es bei
zwei halben Stellen geblieben, in Anstellung beim INKOTA-netzwerk, zur Hälfte in Finanzierung durch ÖIZ, weiterhin durch Projektmittel, Spenden und Phantasie. Auf Auswegen und Umwegen gelang es jedoch, Voraussetzungen zu schaffen, dass sich neue eigenständige Initiativen im Umfeld entwickeln konnten. Ob es an dieser Arbeit lag, sollen andere beurteilen, aber die entwicklungspolitische Szene in Sachsen hat sich auf diesem kleinen Humus mittlerweise drei bis vierfach verwickelt und
vernetzt, im Kern mit gleichen Personen und Gruppen, die sich laufend erneuern, „Unkrautkultur“, Vielfalt, nachhaltig. Baustelle Vietnam: In Ha Tinh „entwickelt sich“ das dritte große „INKOTA-Behinderten-zentrum“, für das z.Z. ein Wohnheim abgerechnet wird. Ausstellungen und Vorträge durchziehen die 20 Jahre. Gelegentlich ließen sich „höhere“ Ebenen bewegen, z.B. die Kirchen in den Texten der ÖV, das Zustandekommen des entwicklungspolitischen Runden Tisches der
DDR 1990, die Einrichtung des katholischen Fonds (mit Justitia et Pax), die Gesprächsbereitschaft zwischen der katholischen Kirche von oben und von unten beim Katholikentag in Dresden, Kirchentage durch Mitarbeit, Finanzierungsmöglichkeiten im Freistaat Sachsen bei Gesprächen mit Politikern bis zum Ministerpräsidenten. Große Unterstützung kam von vielen Einzelengagierten, Spendern, von Institutionen, direkt oder indirekt, vom Stadtökumenekreis über`s ÖIZ, vom Evangelischen
Entwicklungsdienst über INKOTA, von BMZ und Freistaat Sachsen, von Misereor, dem Katholischen Fonds, der stiftung nord-süd-brücken und vielen anderen.
Herzlichen Dank! Heinz Kitsche |